Die Zeiten, in denen ein brasilianischer Stürmer automatisch einen der begehrten Nicht-EU-Plätze blockierte, sind in der Bundesliga längst vorbei. Immer raffiniertere Scouting-Abteilungen durchforsten nicht nur die Spielqualitäten potenzieller Neuzugänge, sondern auch deren Familienstammbäume. Das Ziel: Spieler mit doppelter Staatsbürgerschaft zu identifizieren, die formal als EU-Bürger gelten und somit die strengen Kontingentregeln umgehen.
Der EU-Pass als Millionen-Vorteil
Was auf den ersten Blick wie eine administrative Kleinigkeit erscheint, entwickelt sich zunehmend zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Bundesliga-Klubs dürfen maximal drei Nicht-EU-Ausländer gleichzeitig unter Vertrag haben – eine Regel, die bei der wachsenden Internationalisierung des Fußballs zum echten Problem wird. Spieler mit doppelter Staatsbürgerschaft, etwa aus Deutschland und Brasilien oder Italien und Argentinien, gelten hingegen als EU-Bürger und fallen nicht unter diese Beschränkung.
Besonders clever agiert dabei Bayer Leverkusen, das bereits 2025 begann, gezielt nach südamerikanischen Talenten mit europäischen Wurzeln zu suchen. "Wir schauen nicht nur auf die Qualität auf dem Platz, sondern auch darauf, welche bürokratischen Hürden ein Transfer mit sich bringt", erklärt ein Scout der Werkself, der anonym bleiben möchte. Das Ergebnis: Leverkusen konnte in den vergangenen zwei Jahren vier hochtalentierte Spieler verpflichten, die formal als EU-Bürger gelten, aber in Südamerika ausgebildet wurden.
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Borussia Dortmund als Vorreiter der Doppelpass-Strategie
Noch systematischer geht Borussia Dortmund vor. Der BVB hat eigenen Angaben zufolge eine Datenbank mit über 500 Spielern erstellt, die sowohl die sportlichen Anforderungen erfüllen als auch über eine EU-Staatsbürgerschaft verfügen. "Es ist ein Wettbewerbsvorteil, den wir nicht ignorieren können", bestätigt ein Vereinsvertreter. Besonders im Fokus stehen dabei Spieler aus Ländern wie Brasilien, Argentinien oder Uruguay, deren Großeltern oder Eltern aus Europa stammen.
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Die Strategie zahlt sich aus: Während Konkurrenten wie der FC Bayern München oder RB Leipzig bei südamerikanischen Transfers oft an die Kontingentgrenzen stoßen, kann Dortmund flexibel agieren. Ein Beispiel aus dem aktuellen Kader: Der 22-jährige Mittelfeldspieler Lucas Martínez (Name geändert), der sowohl die argentinische als auch die spanische Staatsbürgerschaft besitzt, kostete den BVB im Sommer 2025 nur acht Millionen Euro – deutlich weniger, als für einen Spieler ähnlicher Qualität ohne EU-Pass zu zahlen gewesen wäre.
Rechtliche Grauzonen und ethische Fragen
Doch die Praxis wirft auch Fragen auf. Kritiker bemängeln, dass Spieler teilweise dazu ermutigt werden, Staatsbürgerschaften zu beantragen, die sie nie angestrebt hätten – nur um einen Transfer zu ermöglichen. "Es entstehen künstliche Verbindungen zu Ländern, mit denen die Spieler faktisch nichts zu tun haben", warnt Dr. Andreas Weber, Sportrechtler an der Universität Köln.
Tatsächlich berichten mehrere Berater von Fällen, in denen Spieler erst kurz vor einem geplanten Transfer die Staatsbürgerschaft eines EU-Landes beantragt haben. Besonders beliebt sind dabei Italien und Spanien, die relativ großzügige Regelungen für Nachfahren ehemaliger Auswanderer haben. Ein prominenter Spielerberater, der anonym bleiben möchte, berichtet: "Wir haben Mandanten, die innerhalb von sechs Monaten einen italienischen Pass erhalten haben, obwohl sie nie in Italien waren. Das ist legal, aber ethisch fragwürdig."
Die Gewinner und Verlierer der neuen Transferrealität
Die systematische Nutzung der Doppelpass-Strategie verschärft das Gefälle in der Bundesliga zusätzlich. Während Topklubs wie Bayern München, Borussia Dortmund oder Bayer Leverkusen über die Ressourcen verfügen, aufwendige Recherchen zu betreiben und langwierige Staatsbürgerschaftsverfahren zu finanzieren, bleiben kleinere Vereine auf der Strecke.
"Wir können uns keine Anwaltskanzlei leisten, die monatelang Familienstammbäume durchforstet", klagt der Sportdirektor eines Bundesliga-Aufsteigers. Stattdessen sind diese Klubs oft gezwungen, deutlich höhere Summen für Spieler ohne EU-Pass zu zahlen oder ganz auf bestimmte Märkte zu verzichten.
Besonders profitiert haben 2026 bisher der VfB Stuttgart und Eintracht Frankfurt, die beide gezielt in den südamerikanischen Markt investiert haben. Stuttgart verpflichtete drei Brasilianer mit italienischer Staatsbürgerschaft für insgesamt 25 Millionen Euro – ein Schnäppchen in heutigen Zeiten. Frankfurt hingegen sicherte sich die Dienste zweier argentinischer Talente mit spanischen Pässen.
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Ausblick: Regeländerungen in Sicht?
Die Deutsche Fußball Liga (DFL) beobachtet die Entwicklung mit wachsender Sorge. "Die ursprüngliche Intention der Kontingentregelung war es, die Entwicklung deutscher Talente zu fördern", erklärt ein DFL-Sprecher. "Wenn diese Regel systematisch umgangen wird, müssen wir über Anpassungen nachdenken."
Konkrete Reformpläne gibt es noch nicht, doch Insider berichten von Diskussionen über eine Verschärfung der Kriterien. Denkbar wäre etwa eine Mindestaufenthaltsdauer in dem jeweiligen EU-Land oder der Nachweis tatsächlicher kultureller Verbindungen.
Bis dahin bleibt die doppelte Staatsbürgerschaft eine der wichtigsten Waffen im modernen Transferkampf – ein Instrument, das die Bundesliga nachhaltig verändert und das Machtgefüge zwischen den Vereinen neu ordnet.